13.11.06 Neue Westfälische Zeitung, Bünde
Nur 2 Karten in Bünde
verkauft
Aber: Über 600 Besucher aus aller Welt
lauschten progressiver Rockmusik
VON TOBIAS HEYER
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Erinnerungen werden wach |
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An Jethro Tull erinnert das Querflötenspiel von Margriet Boomsma von Flamborough Head |
Bünde. Da sind der Ulli, der Mark und der
Jochen gerade mal aus Österreich rüber gekommen, für ein Konzert, für zwei
Tage. Übernachten im Kombi, hinten im Kofferraum. Ernähren sich von Würstchen
und Cola und beklagen sich nicht. "Für ein solches Festival sind wir schon
viel weiter gefahren, da ist Bünde fast um die Ecke", erzählen die drei,
zeigen am Freitagabend ihre Tickets an der Stadtgartenkasse vor und schon dreht
sich 24 Stunden lang alles nur um das Thema progressiven Rock.
"Das ist komplexe, komplizierte, intelligente Musik", sagt
Veranstalter Udo Grasekamp, der eben noch als
Keyboarder mit seiner Gruppe Abarax "quasi als
Premiere" auf der Bühne gestanden hat und sich jetzt im Backstagebereich den Schweiß von der Stirn wischt.
Der
kommt aber nur vom warmen Scheinwerferlicht, nicht von der Angst, dass das
"pRockfestival" ein Flop werden könnte.
"In Bünde habe ich gerade mal zwei Karten verkauft", sagt Grasekamp, doch am Ende stehen 600 Musikfans fast
regungslos vor der Bühne. "Progressiver Rock, das ist Musik zum
Genießen", sagt der Engeraner und erklärt, warum
keiner mitsingt, niemand tanzt, kaum jemand mitklatscht. Zu komplex sind die
Stücke, "zu vielschichtig, zu lange, einfach keine Mitgrölhits",
erklärt Grasekamp.
Der
will schnell wieder raus aus dem Backstagebereich,
will selber zuhören, wie sich die polnische Band "Riverside"
auf der Bühne schlägt. "Gegen die", ist sich Grasekamp
sicher, "sind wir absolute Anfänger." Doch so hörte sich Abarax gar nicht an. Die erste CD ist längst auf dem Markt,
aber Fans, die - wie bei Riverside und den Flower Kings, bei Flamborough Head, The Watch
und Pendragon - durch ganz Europa pilgern, um die
Musik live hören zu können, haben sie dann doch noch keine.
So wie Ulli, Mark und Jochen, die extra wegen Flamborough
Head nach Bünde gekommen sind. "Vier Mal wollten
die in Deutschland schon spielen, und vier Mal musste das Konzert mangels verkaufter
Karten abgesagt werden", erzählen die drei. Am Samstagabend klappt es dann
doch, stehen die fünf Niederländer auf der Bühne und bringen genau die
vielschichtigen Melodien, Tempowechsel, Stücke, die auch mal länger als zehn
Minuten dauern, die die Fans hören wollen.
"Wenn man ehrlich ist, interessiert sich niemand für progressiven
Rock", sagt Udo Grasekamp. Also fast niemand,
denn 600 sind ja gekommen, um sich musikalisch an die Zeiten erinnern zu
lassen, als Genesis noch zu fünft war, und Yes und Marillion, Pink Floyd und IQ noch echte Konzeptalben auf
den Markt brachten.
In Süddeutschland, da sieht das etwas anders aus. "Da gibt es eine größere
ProgRockszene", sagt Grasekamp.
Der will mit dem Bünder Festival einen Gegenpol
schaffen, "und das hat doch gut geklappt", so Grasekamp
zufrieden.
Auch Ulli, Mark und Jochen gefällt es. "Die Anfahrt hat sich gelohnt - und
war ja auch gar nicht so weit", erzählen die drei noch kurz, dann wird
weiter einfach nur dagestanden und zugehört. Die Masse, in der sie stehen, ist
multikulturell. "Die ersten beiden, die hier waren, sind Australier",
erzählt Grasekamp, und wundert sich nicht. Nicht nur
die Namen der beiden Musikverrückten kennt er, er weiß auch, dass sie gerade in
Holland wohnen, ehe es zurück nach Downunder geht.
Viele kennen sich von Festivals, haben sich irgendwo in Europa kennen gelernt
und nicht aus den Augen verloren. "Wir können uns hier musikalisch mit der
Creme de la Creme schmücken, da wundert es nicht, dass auch die treusten Fans
kommen", sagt Grasekamp noch und verschwindet in
der Masse.